Sexualität, Partnerschaft und Beziehung in der Langzeitpflege
Einleitung
Sexualität und Beziehungen stellen im Leben von vielen Menschen zentrale Aspekte dar. Darunter versteht man aber nicht nur das biologische Sexualverhalten, sondern auch Liebe, Nähe, Zärtlichkeit und das Bedürfnis nach Bindung. Dies gilt auch für den Lebensabschnitt des fortgeschrittenen Alters und bei Menschen mit Demenz. Andererseits wird gerade dieser Lebensabschnitt in der Gesellschaft oft nur mit Attributen wie Abbau, Krankheit und Defiziten dargestellt und somit auch der Sexualität als Grundbedürfnis nur eine geringe Bedeutung zugemessen. Oft kommt es auch zur Pathologisierung von sexuellen Handlungen bei und mit Menschen mit Demenz, sodass sowohl in Partnerschaften als auch in der Betreuung dieses Thema sehr tabuisiert wird. Gerade in der Langzeitpflege treten hier verschiedene Fragen auf:
- Ist das sexuelle Bedürfnis bei Menschen mit Demenz als „normales“ Verhalten zu bewerten?
- Wann muss ein Mensch vor seiner eigenen Sexualität geschützt werden?
- Wann müssen andere Personen vor einem Menschen mit Demenz und sexuellen Bedürfnissen geschützt werden?
- Wann muss ein Mensch mit Demenz vor sexuellen Übergriffen geschützt werden?
- Welche Maßnahmen und Interventionen sind gesetzlich und ethisch moralisch vertretbar?
Aspekte der Sexualität
Eine erfüllte Sexualität und Beziehung im Alter kann als gelungenes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Bedürfnisse in einem entsprechenden Umfeld angesehen werden. Sie sind Ressourcen, die auch bedeutsame Faktoren der Lebensqualität von älteren Menschen mit und ohne Demenz darstellen.
Betrachtet man das sexuelle Verhalten aus biologischer Sicht, so kann man davon ausgehen, dass dieses entsprechend Studien bis ins hohe und höchste Lebensalter möglich und auch gesund ist.
Auch die psychologischen und sozialen Faktoren wie Lustgewinn, Beziehung, Liebe und Nähe bleiben erhalten, können aber durch den Abbauprozess im Gehirn, vor allem im Frontallappen und im Kortex, verändert werden. Das bedeutet, dass möglicherweise dadurch die Partner:in nicht als solche erkannt wird, das Verhalten aufgrund kognitiver Defizite nicht situationsangepasst ist oder nicht mehr adäquat durchgeführt werden kann.
Auch das Bedürfnis nach einer Beziehung bleibt im Rahmen der Demenz meist erhalten, wenn es auch oft unter anderen Voraussetzungen erfolgt. Die gilt sowohl für die erkrankten Personen oder auch deren Partner:innen. Beziehungen können hierbei unter verschiedenen Aspekten erfolgen (vgl. Gatterer Beziehungsstile https://institut-avm.at/wp-content/uploads/2022/04/gatterer-fragebogen-zur-erfassung-von-beziehungsstilen-avm-publications-2021-04-10.pdf ) bzw. unterschiedliche Bedürfnisse abdecken und sollten nicht als besser oder schlechter bewertet werden.
Funktionale Beziehungen sind meist darauf ausgerichtet Bedürfnisse möglichst gut zu erfüllen. Das ist vor allem bei Personen mit weiter fortgeschrittener Demenzerkrankung wichtig. Bindungsorientierte Beziehungen sind durch gegenseitige Wertschätzung und Liebe charakterisiert, werden jedoch schwieriger, wenn der erkrankte Mensch sich in seiner Persönlichkeit stark verändert. Austausch- und Rollenspezifische Beziehungen orientieren sich stark daran, inwieweit ein gemeinsames Leben möglich ist. Hier müssen oft Kompromisse akzeptiert werden, da nicht mehr alles so wie früher ist. Positive emotionale Beziehungen erleichtern das Zusammenleben, jedoch kann ein Paar seine Beziehung auch entemotionalisieren, um Stress zu vermeiden. Schwierig sind Ich-orientierte Beziehungen, da hier das Paar Schwierigkeiten hat Kompromisse einzugehen. Dependente Beziehungen führen leicht zu einer Überforderung in der Betreuungssituation. Generell zeigt sich, dass frühere (oft auch unterdrückte Bedürfnisse) im Rahmen der Demenzerkrankung stärker sichtbar werden, sodass manchmal auch ein ganz neuer Mensch entsteht, da soziale Werte in den Hintergrund treten.
Gerade die Beziehungsaspekte sind im Rahmen von pflegerischen Handlungen wichtig. Hier ist es nicht nur wichtig, die eigenen Aspekte zu reflektieren, sondern auch die der betreuten Personen.
Insofern kann man aus psychologischer Sicht davon ausgehen, dass eine Paarbeziehung und Sexualität im Alter und mit Menschen mit Demenz dann besser funktioniert, wenn diese Faktoren ein wichtiger und positiver Teil der Beziehung im früheren Leben waren und nicht nur an bestimmten anderen Faktoren, z.B. erledigen von Aufgaben, orientiert waren. Ebenso ist es wichtig, auftretende Probleme mit gegenseitiger Wertschätzung und Verständnis zu besprechen. Auch Paartherapie kann hier hilfreich sein. Wesentlich ist das „gemeinsame WIR-Gefühl“ und nicht das Durchsetzen eigener Bedürfnisse bzw. der Erhalt der früheren „Normalität“. Dabei sollten die Bedürfnisse und das gesunde Rollenbild des Menschen mit Demenz erhalten bleiben und nicht jene der gesunden Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden.
Bei weit fortgeschrittener Demenz ergibt sich oft die Problematik, dass diese Menschen ein starkes Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit und Kuscheln haben, aber infolge der Krankheit, dieses nicht immer formulieren können. Weiters ist es nicht so einfach, dieses Bedürfnis zu erfüllen, wenn die Partner:innen gleichzeitig in der Rolle der Pflegenden sind bzw. die Person selbst sich in einer stationären Betreuung befindet. Insofern sollte versucht werden, die Rollen als Partner:innen möglichst lange zu erhalten und Pflege durch Fachpersonal durchführen zu lassen. Dadurch ergeben sich weniger Rollenkonflikte. Hat man selbst als Partner kein Bedürfnis danach bzw. in einer stationären Betreuung, können Tiere oder auch Sexualassistent:innen unterstützen. Das erfordert aber eine reife Beziehung.
Im Rahmen einer stationären Betreuung älterer Menschen z.B. in einem Pflegeheim, müssen weitere Faktoren reflektiert werde. So betreffen Pflegehandlungen primär den Intimbereich, jedoch steht die pflegende Person sozial nicht so nahe, dass dies von allen Menschen positiv, als Maßnahme zur Reinigung gesehen wird. Insofern ist hier Beziehungsaufbau besonders wichtig, um Konflikten, Abwehrreaktionen, Ängsten und Pflegeverweigerung vorzubeugen. Das beinhaltet den Aufbau von Vertrauen durch nachvollziehbare und gut vorbereitete Pflegehandlungen, die Kenntnisse der Biografie, die Intergration der Angehörigen und Partner:innen und die gute Reflexion des Pflegeprozessen also der Pflegeplanung und Durchführung. Dabei sollten die betroffenen Menschen möglichst weit integriert werden.
Dadurch werden auch Schulungen und Fortbildungen in diesen Bereichen immer wichtiger. Folgende Aspekte erscheinen hierbei wesentlich:
- Menschen mit Demenz sind primär Menschen und haben die selben Bedürfnisse wie alle Menschen. Dazu gehört auch das Bedürfnis nach Nähe, Beziehung und Sexualität
- Sexualität ist in jedem Lebensalter und auch bei Krankheit und Demenz ein normales Bedürfnis
- Einschränkungen ergeben sich durch normative Konzepte, wie Gesetze (Entscheidungsfähigkeit) und ethisch, moralische Überlegungen
- Dabei muss besonders darauf Rücksicht genommen werden, dass keine Formen von Altersdiskriminierung oder infolge einer Krankheit erfolgen.
- Ist ein Mensch mit Demenz entscheidungs- bzw. abwehrfähig, so kann von einem einvernehmlichen Verhalten ausgegangen werden, wenn keine Abwehr bzw. negative Willensäußerung erfolgt
- Maßnahmen zur globalen Veränderung der Sichtweise der Sexualität im Alter und bei Demenz in der Gesellschaft und in der Altenpolitik sollen die Akzeptanz und Auseinandersetzung mit dieser Thematik verbessern
- Durch Interventionen zur Reflexion von Werten und Normen des professionellen Betreuungspersonals und der Angehörigen (Schulungen, Broschüren, Infomaterialien etc.) soll ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz geschaffen werden.
- Diese sollten besonders die rechtlichen Kriterien und eigene emotionale Bewertungen beinhalten.
- Schulungen der professionellen Pflegepersonen im Umgang mit dem Thema bei Pflegehandlungen sollten vor allem die Reflexion der eigenen Werte und Normen hinsichtlich Sexualität und Paarbeziehungen im Alter beinhalten, sodass diese (z.B. bei einer Peniserektion im Rahmen einer Pflegehandlung) keine negativen Auswirkungen auf die Pflegehandlungen haben.
- Im Rahmen von Pflegehandlungen sollte immer auch reflektiert werden, dass dies der Intimbereich und auch Sexualbereich der betroffenen Person ist und nicht nur der Ausscheidungsbereich.
- Weiters wäre es notwendig die Rahmenbedingungen für Sexualität in Pflegeheimen (z.B. abschließbare Zimmer, Räume für Sexualkontakte, standardmäßige Beachtung des Themas in der Biographie-Erhebung, validierender Umgang, Berücksichtigung in der Pflegedokumentation etc.) zu verbessern.
- Dazu gehören auch Konkrete Unterstützungsmaßnahmen bei Betroffenen zum Ausleben von Intimität und Sexualität (Unterstützung bei Sexual Consent, Sexualassistenz, Sexarbeiter:in).
- Bei unpassendem bzw. gefährlichem Sexualverhalten (z.B. öffentliche Masturbation, Hypersexualität) wäre Supervision und Unterstützung durch kompetente Unterstützungsteams notwendig.
- Um Betreuungspersonen und auch Angehörigen mehr Sicherheit im Umgang mit Sexualität bei Menschen mit Demenz zu geben, wäre die Klärung der rechtlichen Rahmenbedingungen für Sexualität bei und mit Menschen mit Demenz (freie Willenshandlung, Entscheidungsfähigkeit, Möglichkeit der Abwehr der sexuellen Handlungen, ethische Rahmenbedingungen) und deren Veröffentlichung in wissenschaftlichen und öffentlichen Medien zielführend.
- Infolge gesellschaftlicher normativer Veränderungen sind sexuelle und genderspezifische Verhaltensweisen und Identitäten vielfältiger und individueller geworden. Eine besondere gesellschaftliche Stellung nehmen leider noch immer gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen ein. Über nicht koitale heterosexuelle Kontakte, sowie über homosexuelle sexuelle Aktivität im Alter ist fast nichts bekannt, jedoch berichten homosexuelle Frauen und Männer häufig über eine Ausgrenzung im Gesundheitssystem, dies gilt besonders für Heime (Hinrichs, 2010). Dies gilt auch für Menschen mit Genderdiversität. Auch hier muss vermehrt Aufklärungsarbeit geleitet werden.
Zusammenfassung
Das Thema Partnerschaft, Beziehung und Sexualität stellt gerade in der Langzeitbetreuung noch immer einen stark vernachlässigten Aspekt dar. Dies ist dadurch gegeben, dass ältere pflegebedürftige Menschen sowohl von der Gesellschaft, aber auch den Betreuungspersonen und Familienangehörigen primär als krank angesehen werden und damit Bedürfnisse wie Nähe, Zuneigung, Liebe und auch Sexualität als nicht so wichtig angesehen werden. Studien zeigen jedoch, dass diese Grundbedürfnisse auch im Alter und bei Krankheit und Demenz erhalten bleiben. Insofern müssen diese Bereiche auch vermehrt in die Ausbildung und Schulung von Betreuungspersonen, aber auch die Angehörigen integriert werden. Ziel ist, dass ältere Menschen mit Krankheit und Demenz primär als Menschen mit Bedürfnissen gesehen werden und nicht nur auf ihre Krankheiten und deren Behandlung reduziert werden.
Quellenverzeichnis
Gatterer g (2018) Liebe, Partnerschaft, Sexualität im Alter. Psychologie in Österreich 4.
Gatterer, G. (2019) Sexuelle Gesundheit und Demenz. In: Gebhard, D., Mir, E. (Hrsg.) Gesundheitsförderung und Prävention für Menschen mit Demenz Berlin: Springer
Gatterer G, Croy A (2020) Leben mit Demenz. 2. Aufl., Springer, Wien
Miksch C (2021) Liebeskummer in den verschiedenen Lebensphasen. Abschussarbeit zur Erlangung des Grades Bakkalaurus der Psychotherapiewissenschaft. Sigmund Freud Privatuniversität, Wien.
Gatterer G (2022) Fragebogen für Beziehungsstile. AVM-publications.
Gatterer G, Jakobsen FM (2025) Psychologie in Österreich 2&3
Über den/die Autor/In
Univ. Prof. Dr. Gerald Gatterer, Leiter des Instituts für Alternsforschung an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien
