Wenn Erschöpfung das Leben bestimmt – und Versorgung neu gedacht werden muss

Warum Menschen mit postviralen Syndromen neue Wege in Pflege und Betreuung brauchen

Eine Krankheit, die oft unsichtbar bleibt

Es beginnt häufig mit einer Infektion – und endet für viele Betroffene nicht. Menschen mit postviralen Syndromen, insbesondere mit ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrome), erleben eine tiefgreifende, dauerhafte Einschränkung ihres Lebens.

Die zentrale Besonderheit dieser Erkrankung ist nicht „Müdigkeit“, sondern eine krankhafte Erschöpfung, die sich durch Belastung massiv verschlechtert. Fachlich spricht man von Post-Exertional Malaise (PEM) – einer Zustandsverschlechterung nach geringster körperlicher oder mentaler Aktivität.

Typische Symptome sind:

  • extreme Erschöpfung,
  • kognitive Einschränkungen („Brain Fog“),
  • Schmerzsymptomatik,
  • Reizüberempfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm oder Gerüchen,
  • sowie ein oft stark schwankender Krankheitsverlauf.

Viele Betroffene sind zeitweise oder dauerhaft ans Haus gebunden oder sogar bettlägerig.

 

Mehr als medizinisch: eine soziale und systemische Herausforderung

Die Erkrankung wirkt nicht nur auf den Körper. Sie verändert das gesamte Leben:

  • Berufstätigkeit bricht oft weg,
  • soziale Kontakte gehen verloren,
  • Angehörige geraten an ihre Belastungsgrenzen,
  • und alltägliche Dinge wie Einkaufen oder Arztbesuche werden zur Herausforderung.

Aus der Praxis zeigt sich ein breites Spektrum an Belastungen:

  • Überforderung, Isolation und Ohnmacht,
  • Verlust von sozialen Rollen,
  • Konflikte innerhalb der Familie,
  • sowie Unsicherheit durch fehlende Versorgungsperspektiven.

Hinzu kommt: Viele Betroffene berichten von mangelnder Anerkennung ihrer Erkrankung – ein zusätzlicher psychosozialer Druck.

 

Versorgungslücke: Wenn bestehende Systeme nicht greifen

Das österreichische Versorgungsmodell ist grundsätzlich leistungsfähig – stößt jedoch bei ME/CFS und vergleichbaren Krankheitsbildern an klare Grenzen.

Das zentrale Problem:
Diese Erkrankung passt nicht in bestehende Strukturen.

Denn klassische Versorgung basiert meist auf:

  • regelmäßigen Kontakten,
  • direkter Beobachtung,
  • und standardisierten Abläufen.

Bei ME/CFS kann genau das kontraproduktiv oder sogar gesundheitsschädlich sein. Reize und Belastung können den Zustand massiv verschlechtern.

Das führt zu einem strukturellen Dilemma:

  • Pflege braucht Beobachtung,
  • die Erkrankung erschwert oder verunmöglicht genau diese Beobachtung.

 

Pflege im Spannungsfeld: Was rechtlich gilt

Auch aus pflegewissenschaftlicher und rechtlicher Sicht entsteht ein Spannungsfeld.

Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) sind verpflichtet:

  • den Gesundheitszustand zu beurteilen,
  • Pflegeprozesse zu steuern,
  • und Entscheidungen fachlich zu begründen.

Doch bei ME/CFS gilt:

Direkter Kontakt kann krankheitsbedingt nicht möglich oder sogar kontraindiziert sein.

Das bedeutet:

  • Pflege muss teilweise auf indirekte Informationen zurückgreifen,
  • etwa durch Angehörige oder strukturierte Beobachtungen.

Rechtlich ist das zulässig – unter einer Bedingung:
Es muss eine fachlich nachvollziehbare und abgesicherte Entscheidungsbasis bestehen.

Dazu gehören:

  • strukturierte Informationsgewinnung,
  • Plausibilitätsprüfung,
  • und lückenlose Dokumentation.

 

Die Rolle der Pflege: Schlüssel zur Veränderung

Pflege nimmt in der Versorgung von Menschen mit ME/CFS eine Schlüsselrolle ein. Pflegepersonen sind häufig die ersten Ansprechpartner:innen für Betroffene und Angehörige, erkennen Veränderungen im Krankheitsverlauf frühzeitig und entwickeln im Versorgungsalltag praktikable Lösungen unter oft schwierigen Rahmenbedingungen.

Mit zunehmendem Schweregrad der Erkrankung verändert sich jedoch die Form der Pflege grundlegend: An die Stelle unmittelbarer Beobachtung tritt zunehmend ein koordinierter, methodisch abgesicherter Versorgungsprozess. Dieser stützt sich auf strukturierte Informationsgewinnung, interdisziplinäre Abstimmung sowie die gezielte Einbindung von Vertrauenspersonen.

Damit wird deutlich: Pflege ist in diesem Kontext weit mehr als direkte Leistungserbringung. Sie übernimmt eine zentrale Steuerungsfunktion, sichert die Kontinuität der Versorgung und gewährleistet, dass Entscheidungen auch unter eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten fachlich fundiert getroffen werden können.

Um dieser erweiterten Verantwortung gerecht zu werden, braucht es entsprechende Rahmenbedingungen:

  • ausreichenden fachlichen Handlungsspielraum,
  • klare organisatorische Strukturen,
  • sowie spezifische Aus- und Weiterbildungsangebote im Umgang mit komplexen, schwer standardisierbaren Krankheitsbildern.

Die Stärkung der professionellen Pflege ist damit kein Randthema, sondern eine zentrale Voraussetzung für die Weiterentwicklung des Versorgungssystems. Nur wenn Pflege in dieser Rolle unterstützt wird, kann sie ihr Potenzial als tragende Säule einer zukunftsfähigen Versorgung voll entfalten.

 

Was betroffene Menschen tatsächlich brauchen

Die Praxis zeigt sehr klar, wo die größten Bedarfe liegen.

Im Zentrum stehen:

  • Unterstützung bei der Alltagsbewältigung,
  • Hilfe beim Einhalten von Belastungsgrenzen („Pacing“),
  • Gestaltung einer reizarmen Umgebung,
  • psychosoziale Entlastung,
  • sowie Koordination mit Ärzt:innen und Organisationen.

Gleichzeitig existiert ein dringendes Erfordernis nach:

  • Orientierung im fragmentierten Hilfesystem,
  • Unterstützung bei sozialrechtlichen Fragen,
  • und verlässlichen Ansprechpartner in Krisensituationen.

Diese Anforderungen zeigen:
Es geht nicht um punktuelle Hilfe – sondern um ein integriertes Versorgungskonzept.

 

Internationale Perspektive: Ein Blick nach Norwegen

Dass solche Konzepte möglich sind, zeigt ein Blick nach Skandinavien.

In Norwegen wurden spezialisierte Versorgungsstrukturen für Menschen mit komplexen postviralen und neurologischen Erkrankungen entwickelt. Ein Beispiel ist die Einrichtung Røysumtunet, die gemeinsam mit der norwegischen ME-Vereinigung ein spezialisiertes stationäres Angebot für schwer und sehr schwer an ME/CFS Erkrankte aufgebaut hat.

Kennzeichnend sind:

  • kleine, spezialisierte Einheiten mit Einzelzimmern in reizreduzierter Umgebung,
  • kontinuierliche Präsenz professioneller Pflege und intensiver Unterstützung im Alltag,
  • interdisziplinäre Teams,
  • sowie eine konsequent personenzentrierte Betreuung auf Basis aktueller Leitlinien (insbesondere NICE 2021 mit Fokus auf Pacing und Symptommanagement).

Erste Evaluationen zeigen, dass sich bei einem Teil der Menschen der Schweregrad verbessert, ohne dass während des Aufenthalts Verschlechterungen dokumentiert wurden.

Ein zentraler Unterschied:
Nicht der Mensch passt sich dem System an – sondern das System passt sich dem Menschen an.

 

Was die Wissenschaft fordert

Diese Entwicklung wird auch wissenschaftlich klar unterstützt.

Das nationale Referenzzentrum für postvirale Syndrome der MedUni Wien formuliert eine eindeutige Empfehlung:

Es braucht spezialisierte Versorgungsdienste, die sämtliche erforderlichen Leistungen direkt bei den Betroffenen zu Hause erbringen können.

Damit wird ein Paradigmenwechsel beschrieben:

  • weg von punktueller Versorgung,
  • hin zu aufsuchenden, integrierten und spezialisierten Dienstleistungen.

 

Ein neuer Ansatz in Österreich

Vor diesem Hintergrund entstehen auch in Österreich erste Initiativen, die genau diese Lücke adressieren.

Im Zentrum steht dabei ein Ansatz, der:

  • die Besonderheiten des Krankheitsbildes berücksichtigt,
  • Belastungsgrenzen respektiert,
  • und Versorgung neu organisiert.

Wesentliche Elemente sind:

  • reizreduzierte Betreuung,
  • strukturierte Einbindung von Angehörigen,
  • sowie flexible Kommunikationsformen (telefonisch, schriftlich, vor Ort).

Besonders relevant ist:
Die Versorgung orientiert sich nicht an Standardabläufen, sondern an der individuellen Situation der Betroffenen.

In Wien wurde mit der Initiative NORDLICHT der CS Caritas Socialis ein Schritt in genau diese Richtung gesetzt.

Dabei geht es nicht um ein „fertiges Modell“, sondern um einen bewusst entwickelten Ansatz zur Bewältigung einer bestehenden Versorgungslücke.

Im Zentrum stehen:

  • spezialisierte Betreuungskonzepte,
  • gezielte Schulung von Fachpersonal,
  • sowie die Entwicklung neuer Strukturen im Umgang mit besonders herausfordernden Krankheitsbildern.

Wichtig ist dabei: Dieser Ansatz versteht sich nicht als isolierte Lösung, sondern als Impuls.

 

Warum An- und Zugehörige eine Schlüsselrolle spielen

Ein zentrales Element dieser neuen Versorgungsmodelle ist die Rolle von Familienmitgliedern und Vertrauenspersonen.

Sie sind oft:

  • die einzigen konstanten Bezugspersonen,
  • zentrale Informationsquelle,
  • und gleichzeitig selbst stark belastet.

Deshalb braucht es:

  • Schulung und Anleitung,
  • verständliche Instrumente zur Einschätzung des Zustands,
  • und klare Einbindung in den Pflegeprozess.

Angehörige werden damit zu „verlängerten Augen“ der Pflege –
ohne jedoch die fachliche Verantwortung zu übernehmen.

 

Perspektive: Von einzelnen Projekten zur flächendeckenden Lösung

Die bisherigen Entwicklungen zeigen:
Es gibt funktionierende Ansätze – aber noch keine flächendeckende Lösung.

Die zentrale Herausforderung liegt daher in der Skalierung:

  • Wie können solche Modelle in ganz Österreich etabliert werden?
  • Wie können unterschiedliche Organisationen eigene, regionale Lösungen entwickeln?
  • Und wie gelingt die strukturelle Verankerung im Versorgungssystem?

Die Hoffnung liegt darin, dass bestehende Initiativen als Impulsgeber wirken:

  • für andere Bundesländer,
  • für neue Kooperationen,
  • und für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Versorgung.

 

Fazit: Ein notwendiger Systemwandel

ME/CFS und andere postvirale Syndrome machen unmissverständlich sichtbar, dass das bestehende Versorgungsmodell an seine Grenzen stößt. Die bisherigen Strukturen sind vielfach nicht darauf ausgerichtet, den komplexen und oft hochsensiblen Bedürfnissen dieser Betroffenengruppe gerecht zu werden.

Gefordert ist daher kein punktuelles Nachschärfen, sondern ein grundlegendes Weiterdenken der Versorgung: mehr Spezialisierung, mehr Flexibilität und vor allem ein konsequentes Ausrichten an den realen Lebenssituationen der Menschen.

Internationale Beispiele – etwa aus Norwegen – zeigen, dass solche Ansätze nicht nur möglich, sondern auch wirksam sind. Erste Initiativen in Österreich verdeutlichen zudem, dass Veränderung konkret umsetzbar ist und bereits begonnen hat.

Die zentrale Herausforderung liegt nun darin, diese Ansätze weiterzuentwickeln und in die Breite zu tragen. Es geht nicht mehr um die Frage, ob sich das System verändern muss, sondern darum, wie entschlossen und wie rasch wir diesen Wandel gestalten.

Der Weg ist eingeschlagen – jetzt braucht es den gemeinsamen Willen, ihn konsequent weiterzugehen.

 

Quellenverzeichnis

  • Bartholomay, M., Derler, F., Frank, P., Klinger, I., Mosich, V., Platzer, M., Renner, B., Seidelberger, M., Sellner-Pogány, T., Siebert, L., & Wiesinger, M. (2025, November 21). Myalgische Enzephalomyelitis/chronisches Fatiguesyndrom (ME/CFS)Zeitschrift für Palliativmedizin. Georg Thieme Verlag.
  • Hainzl A., Rohrhofer J., Schweighardt J. et al. (2024): Care for ME/CFS – Praxisleitfaden für die Versorgung von ME/CFS-Betroffenen (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom). Medizinische Universität Wien/Österreichische Gesellschaft für ME/CFS, Wien.
  • Hermisson J. und S., Hackl V., Hainzl A. et al. (2025): Pflegeanleitung für schwer- und schwerstkranke ME/CFS-Patient:innen, Wien.
  • Hoffmann K., Hainzl A., Stingl M., et al. Interdisziplinäres, kollaboratives D-A-CH Konsensus Statement zur Diagnostik und Behandlung von Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom [Interdisciplinary, collaborative D-A-CH (Germany, Austria and Switzerland) consensus statement concerning the diagnostic and treatment of myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome]. Wien Klin Wochenschr. 2024;136(Suppl 5):103 123. doi:10.1007/s00508-024-02372-y
  • Österreichische Gesellschaft für ME/CFS. (2026, März 30). Schwer krank und unversorgt. https://mecfs.at/
  • ME-foreningen-hjemmeside – ME-foreningen.no; Onlinezugriff Juni 26
  • www.roysumtunet.no ; Onlinezugriff Juni 26

Über den/die Autor/In

Lisa Haderer

ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit beruflichen Stationen in der Neuro-Rehabilitation und Onkologie und unterstützt seit mehr als 25 Jahren Menschen in gesundheitlichen und psychosozialen Ausnahmesituationen. Ergänzend zu ihrer pflegerischen Praxis absolvierte sie berufsbegleitend ein Studium im Gesundheitsmanagement und übernahm in den Folgejahren zahlreiche Leitungs- und Managementfunktionen im Gesundheitswesen.
Ihre Qualifikationen in Sterbe- und Trauerbegleitung sowie in Mediation und Konfliktmanagement unterstreichen ihre Kompetenz im Umgang mit belastenden, konflikthaften und vulnerablen Lebenslagen.  Zusätzlich verfügt sie durch ihre Ausbildung in Krisenintervention und ihr ehrenamtliches Engagement beim Roten Kreuz über Erfahrung in der akuten Begleitung von Menschen in schweren Krisen.

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